Die häu­figs­ten Ammen­mär­chen, die das Stil­len untergraben

Ob Fami­lie, Bekann­ten­kreis, Fach­per­so­nen – alle wol­len die jun­ge Fami­lie nach bes­tem Wis­sen unter­stüt­zen. Doch nicht immer sind die Tipps wirk­lich hilf­reich, was das Stil­len angeht.

Selbst nicht alle medi­zi­ni­schen Fach­per­so­nen, die frisch­ge­ba­cke­ne Eltern zum The­ma Stil­len bera­ten, haben eine pro­fes­sio­nel­le oder aktu­el­le Aus­bil­dung auf die­sem Fach­ge­biet, auch wenn sie die Eltern auf ihren sehr wert­vol­len eige­nen bzw. haupt­säch­li­chen Fach­ge­bie­ten abso­lut kom­pe­tent bera­ten und unterstützen.

Im fol­gen­den möch­ten wir die häu­figs­ten und viel­leicht fol­gen­schwers­ten Fehl­in­for­ma­tio­nen rich­tig­stel­len, die wir von Müt­tern in unse­rer Still­grup­pe und Ein­zel­be­ra­tun­gen regel­mä­ßig hören.

Die häu­figs­ten und fol­gen­schwers­ten Fehl­in­for­ma­tio­nen in unse­rer Region

Mythos Nr. 1: „Zu häu­fi­ges Stil­len soll­te ver­mie­den werden“

Oft hören Müt­ter, dass sie zwi­schen zwei Still­mahl­zei­ten Min­dest­ab­stän­de ein­hal­ten müss­ten und nicht häu­fi­ger als alle 4, alle 3 oder alle 2 Stun­den stil­len dürf­ten. Angeb­lich rühr­ten Bauch­schmer­zen davon, wenn sich im Bauch alte mit fri­scher Milch ver­mischt oder das Baby wer­de durch zu häu­fi­ges Stil­len ver­wöhnt. => Doch das ist ein Irr­tum. Denn nur unein­ge­schränk­tes Stil­len nach Bedarf kann sicher­stel­len, dass sich die Milch­bil­dung an den Bedarf des Babys anpasst. Babys wol­len in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den an die Brust. Vie­le Babys trin­ken am Vor­mit­tag sel­te­ner, am Nach­mit­tag /​ am Abend jedoch häu­fi­ger in kur­zen Abstän­den, und zwar klei­ne­re Men­gen beson­ders kalo­rien­rei­cher Mut­ter­milch (auch „Clust­er­fee­ding“ genannt), wobei sich der Trink-Rhyth­mus von Tag zu Tag und von Woche zu Woche ändern kann und indi­vi­du­ell ist. Das Baby darf jeder­zeit wie­der gestillt wer­den, egal ob seit der letz­ten Mahl­zeit Stun­den oder Minu­ten ver­gan­gen sind.


Mythos Nr. 2: „Hal­be Stun­de links, hal­be Stun­de rechts“

Sol­che und ähn­li­che rigi­de Rat­schlä­ge funk­tio­nie­ren fast nie und ver­un­si­chern die Müt­ter. Denn die Dau­er einer Still­mahl­zeit ist bei jedem Baby indi­vi­du­ell und schwankt auch von Mahl­zeit zu Mahl­zeit. Manch­mal reicht pro Mahl­zeit eine Brust, bei ande­ren Mahl­zei­ten möch­te das Baby an bei­den Brüs­ten trin­ken. Manch­mal ist Wech­sel­stil­len, also ein Hin- und Her­wech­seln zwi­schen bei­den Brüs­ten wich­tig, damit das Baby genug getrun­ken hat. Und kein Baby kann eine hal­be Stun­de lang effek­tiv an einer Brust sau­gen, da sie ermü­den und die Milch auch gar nicht so lan­ge am Stück fließt. Oft trin­ken Babys nur weni­ge Minu­ten am Stück, machen eine Pau­se und trin­ken immer wie­der in kür­ze­ren Abstän­den, bis sie einschlafen.


Mythos Nr. 3: „Babys soll­ten es sich nicht ange­wöh­nen, an der Brust ein­zu­schla­fen oder sich zu beru­hi­gen.“

Denn man­che (Fach)Personen hal­ten es für eine „schlech­te Ange­wohn­heit“ bei Babys, wenn sie an der Brust ein­schla­fen oder sich „durch Essen“ beru­hi­gen. Angeb­lich lässt sich das spä­ter schlecht abge­wöh­nen. Oder: „Müt­ter sol­len sich nicht als Schnul­ler miss­brau­chen las­sen“ – zum Ein­schla­fen und zur Beru­hi­gung soll­ten sie statt­des­sen den Schnul­ler anbie­ten. => Doch, es ist genau anders­her­um. Der Schnul­ler ersetzt näm­lich die Brust und nicht umge­kehrt. Es ist näm­lich ein Urbe­dürf­nis von Babys und Klein­kin­dern, an der Brust ein­zu­schla­fen und sich dort zu beru­hi­gen. Ein­schlaf­be­glei­tung und Beru­hi­gung an der Brust sind essen­zi­ell wich­tig für eine an den Bedarf des Babys ange­pass­te Milch­bil­dung und eine lan­ge Still­zeit ent­spre­chend den Emp­feh­lun­gen der WHO und der neu­en deut­schen Leit­li­nie zur Stilldauer.


Mythos Nr. 4: „Das Baby soll erst rich­tig wach wer­den, bevor es an die Brust gelegt wird.“

Auch falsch: In der Regel las­sen sich klei­ne Baby bes­ser anle­gen, wenn sie noch im REM-Schlaf /​ im Halb­schlaf sind. Da docken sie noch gedul­dig an die Brust an und trin­ken meist ruhig, ent­spannt und effek­tiv, sie müs­sen dafür nicht rich­tig wach wer­den. Wenn jedoch gewar­tet wird, bis das Baby rich­tig wach ist, ist es oft schon zu spät. Vie­le Babys sind zu die­sem Zeit­punkt schon zu auf­ge­bracht, um gut ange­legt wer­den zu können.


Mythos Nr. 5: „Wenn ein Baby schreit und sich mit einer Fla­sche beru­hi­gen lässt, hat­te es wohl Hun­ger und die Mut­ter nicht genug Milch.“

Das ist eine häu­fi­ge und fol­gen­schwe­re Fehl­an­nah­me, die das Ver­trau­en der Müt­ter in ihre Still­fä­hig­keit nach­hal­tig erschüt­tern kann. Babys wei­nen und schrei­en aus viel­fäl­ti­gen und zum Teil unbe­kann­ten Grün­den. Ein mög­li­cher Grund ist, dass die Still­si­gna­le des Babys nicht recht­zei­tig wahr­ge­nom­men wer­den und es zu spät ange­legt wird. Manch­mal stört das Baby etwas ande­res, wodurch es sich in Rage schreit und nicht mehr an der Brust anle­gen lässt. Nicht sel­ten schrei­en sich Baby zwi­schen Nach­mit­tag und der ers­ten Nacht­hälf­te, vie­le Babys über Wochen oder Mona­te regel­mä­ßig – war­um das so ist, wis­sen wir bis heu­te nicht mit Sicher­heit. In die­sen Schrei­epi­so­den las­sen sich Babys lei­der nicht immer an der Brust anle­gen oder sie docken kurz an, las­sen aber los und schrei­en wei­ter. Lei­der ist es wirk­lich so, dass die Fla­sche in sol­chen Fäl­len das Baby manch­mal bes­ser beru­hi­gen kann als die Brust, was sehr irre­füh­rend ist. Denn an der wei­chen, fle­xi­blen Brust muss das Baby aktiv ando­cken und trin­ken, wäh­rend der star­re Fla­schen­sau­ger der Milch­fla­sche in den Mund des pas­si­ven Babys gescho­ben wer­den kann, was bei klei­nen Babys den unwill­kür­li­chen Saug- und Schluck­re­flex aus­löst. Das Trin­ken beru­higt dann das Baby und es fin­det in den Schlaf. Gleich­zei­tig bedeu­tet dies nicht, dass das Baby wirk­lich Milch gebraucht oder die Mut­ter nicht genug Milch gehabt hätte.

Ande­re Beru­hi­gungs­stra­te­gien unter­gra­ben nicht das Stil­len, wie z.B. Spa­zie­ren­ge­hen mit dem Baby in einer Tra­ge­hil­fe (in der Woh­nung oder außer­halb), Wie­gen z.B. auf einem Hüpf­ball, Ohr­schutz für die Eltern, Anhö­ren von Pod­casts usw. Kör­per­kon­takt mit ruhi­gen, ent­spann­ten Eltern wirkt auch auf das Baby beru­hi­gend, wäh­rend die Ver­zweif­lung des Babys durch Panik der Eltern gestei­gert wird. Und manch­mal hilft nichts ande­res, als das Baby in Kör­per­kon­takt lie­be­voll durch sei­ne Schrei­pha­se zu beglei­ten, bis die­se von allei­ne abebbt. Wenn das Baby beru­higt ist, kann es wie­der effek­tiv an der Brust trinken.

Soll­te Sor­ge bestehen, dass das Baby mit Milch nicht aus­rei­chend ver­sorgt ist, kön­nen wir uns die Gewichts­ent­wick­lung des Babys anhand der WHO-Wachs­tums­per­zen­ti­len genau anschau­en, Ent­war­nung oder Tipps zur Opti­mie­rung des Still­ma­nage­ments geben. Wenn wir fest­stel­len, dass das Baby tat­säch­lich Zufüt­te­rung mit Pre­nah­rung braucht, dann geben wir Tipps, wie das wei­te­re Stil­len trotz Zufüt­te­rung auf­recht­erhal­ten und geschützt wer­den kann.


Mythos Nr. 6: „Wenn das Baby trotz Stil­len „Hun­ger­zei­chen“ zeigt, dann braucht es Pre­nah­rung aus der Fla­sche, weil die Mut­ter zu wenig Milch hat.“

Auch das ist ein fol­gen­schwe­res Miss­ver­ständ­nis. Das Kon­zept der sog. „Hun­ger­zei­chen“, wie das Her­an­füh­ren des Händ­chens an den Mund, Unru­he, Schrei­en, usw. stammt aus For­schung mit Fla­schen­ba­bys. Dort wur­de ledig­lich fest­ge­stellt, dass die­se Zei­chen vor der Füt­te­rung mit der Fla­sche häu­fi­ger vor­kom­men als nach der Füt­te­rung, d.h. sat­te Babys zei­gen die­se ein­fach sel­te­ner als hung­ri­ge. Hun­ger ist dabei nicht der ein­zi­ge Grund dafür, dass ein Baby die­se Ver­hal­tens­wei­sen zeigt. Das Baby zeigt sie auch, wenn es schläf­rig ist und/​oder ein­fach mehr Nähe und Gebor­gen­heit an der Brust möch­te. Des­halb ist es adäqua­ter, von „Still­zei­chen“ zu spre­chen oder Zei­chen dafür, dass das Baby an die Brust möch­te. Stil­len dient ja nicht nur der Ernähung, son­dern spen­det auch Sicher­heit, Gebor­gen­heit und Trost. Für Babys ist die Welt in Ord­nung, wenn sie die Brust in ihrem Mund spü­ren, auch wenn sie eigent­lich gar nicht mehr hung­rig sind.


Mythos Nr. 7: „Spä­tes­tens mit 6 Mona­ten müs­sen Babys durchschlafen.“

Auch wenn sich der Tag-Nacht-Rhyth­mus von Babys inner­halb des ers­ten Halb­jah­res an den der Eltern anpasst, wol­len Babys und Klein­kin­der auch nachts regel­mä­ßig gestillt wer­den. Dafür ist es nicht erfor­der­lich, dass die Mut­ter nachts auf­steht. Wenn Mut­ter und Kind neben­ein­an­der schla­fen und im Lie­gen stil­len, syn­chro­ni­siert sich der Schlaf­rhyth­mus der bei­den. Das Stil­len fin­det intui­tiv im Halb­schlaf statt – die Mut­ter schläft oft direkt nach dem Ando­cken des Babys wie­der ein und kann sich mor­gens nur an etwa die Hälf­te der nächt­li­chen Still­mahl­zei­ten über­haupt erin­nern. Das nächt­li­che Stil­len ist wahr­schein­lich für die rasan­te Gehirn­ent­wick­lung des Kin­des von Bedeu­tung: Das Gehirn wächst im Säug­lings­al­ter so rapi­de wie nie wie­der im Leben.

Anders als all­ge­mein erwar­tet, wachen Babys im zwei­ten Lebens­halb­jahr nachts sogar öfter auf als im ers­ten, wahr­schein­lich auf­grund ihrer auf­re­gen­den Ent­wick­lungs­mei­len­stei­ne und der auf­kei­men­den Frem­del­pha­se. Dies ist unab­hän­gig davon, ob sie gestillt wer­den oder nicht. Das häu­fi­ge nächt­li­che Auf­wa­chen ist typisch ab dem zwei­ten Halb­jahr bis etwa zum zwei­ten Geburts­tag und ist für vie­le Eltern sehr kräf­te­zeh­rend. Für vie­le Müt­ter ist es in sol­chen Situa­tio­nen am wenigs­ten anstren­gend, wenn sie ihre Kin­der durch Stil­len wie­der in den Schlaf begleiten.


Mythos Nr. 8: „Nach dem ers­ten Geburts­tag ist Mut­ter­milch wert­los, wie Wasser.“

Auch das stimmt nicht. Mut­ter­milch ver­liert auch nach län­ge­rer Still­zeit nichts von ihrer ernäh­rungs­phy­sio­lo­gi­schen Qua­li­tät. Sie lie­fert wei­ter­hin Ener­gie und vie­le wich­ti­ge Nähr­stof­fe. Sie trägt neben einer abwechs­lungs­rei­chen und gesun­den Fami­li­en­kost wei­ter­hin zur gesun­den Ernäh­rung eines Klein­kin­des bei. Auch wenn sie in ihrer Men­ge abnimmt, ent­hält sie immu­no­lo­gi­sche Abwehr­stof­fe sogar kon­zen­trier­ter als in der Zeit des aus­schließ­li­chen Stillens.

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